Die Geschichte der träumenden Fingerspitze

„Ich habe von Bewusstseins-Stretching gesprochen und genau das wollen wir jetzt tun. Lass uns als Vorbereitung zunächst ein interessantes Gedankenexperiment durchspielen. Fühle dazu die Fingerspitze deines rechten Zeigefingers. Nur die Fingerspitze. Fühle, dass sie existiert. Spüre, wie sie die Umgebungstemperatur wahrnimmt. Jetzt berühre etwas mit der Fingerspitze und spüre die Berührung. Klopf ein wenig mit der Fingerspitze auf einen Gegenstand. Lass dir Zeit und werde zu dieser Fingerspitze.

Jetzt stelle dir vor, dass du einschläfst und anfängst zu träumen. In diesem Traum erlebst du dich selbst als die Fingerspitze. Tatsächlich vergisst du alles, was dich als Mensch ausgemacht hat. Du existierst nur als Fingerspitze. So lebst du in den Tag hinein, spürst Wärme und Kälte, und manchmal klopfst du vor dich hin. Aber irgendwann merkst du, dass sich dein Leben nicht richtig anfühlt. Irgendetwas scheint zu fehlen. Dieses Gefühl lässt dich nicht mehr los, und dein Leben mit seinen ständigen Wiederholungen wird dir immer unerträglicher. Eines Tages bist du so verzweifelt, dass du innerlich schreist: ‚Genug ist genug!‘

Und wie von Zauberhand kommt eine Kristall-Fingerspitze mit Flügeln und einer außergewöhnlich coolen Sonnenbrille daher. Sie erzählt dir, dass du nur träumst. Sie spricht von der größeren Realität und schwärmt von wahrem Nagellack, den es in deinem Traum einfach nicht gibt. Dann beginnt sie, ganz allmählich deine Überzeugungen zu dehnen. Nach vielen Jahren ist es dann so weit. Sie fordert dich auf, dich ganz zu öffnen und zu fühlen, was du wirklich bist.

Also öffnest du dich dafür. Du erkennst, dass die Fingerspitze, für die du dich bisher gehalten hast, nur das Ende eines Fingers ist. Gut, ein Finger ist wie eine lange Fingerspitze mit Gelenken, oder? Das kannst du dir noch vorstellen. Aber was ist diese Hand? Und dann sind an dieser Hand noch vier andere Finger samt Fingerspitzen. Sind die wie deine Cousins? Sie existieren gleichzeitig mit dir, sie sind irgendwie mit dir verbunden und erleben die Welt sogar genauso wie du, aber du kennst sie nicht! Und dann erst die Arme, Beine und Zehen. Zehen? Das muss eine andere Spezies sein. Und weiter, der Oberkörper, die Organe, Augen, Ohren und all die Haare.

Irgendwann gibst du auf. Das ist einfach zu groß. Und schließlich willst du ja nicht verrückt werden! Gut, du hast ‚Genug ist genug‘ gebrüllt, aber muss es deswegen gleich so surreal werden? Also sagst du der geflügelten Kristall-Fingerspitze, dass du genug davon hast, dass genug genug ist. Schließlich bist du ja inzwischen erwacht und verkörpert und dergleichen, zumindest glaubst du das, und überhaupt ist es Zeit, wieder einen heißen Rhythmus zu klopfen. Ein bisschen Spaß zur Ablenkung wird doch wohl sein dürfen, oder?

Woraufhin die geflügelte Kristall-Fingerspitze ihre außergewöhnlich coole Sonnenbrille abnimmt, einen tiefen Blick in deine nicht vorhandenen Augen wirft und sagt: ‚Stets zu Diensten, lieber Freund. Die Samen sind gesät.’“

Aus „Althar Surreal – Meisterklasse“

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